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Jedes Kind kann schlafen lernen: Was hinter dem Bestseller wirklich steckt

3 Uhr nachts. Das Baby schreit, du stolperst zum Bett, dein Partner tut so, als würde er schlafen. Kommt dir bekannt vor? Genau in diesem Moment der Erschöpfung greifen seit 1995 Millionen Eltern im deutschsprachigen Raum zu einem schmalen, gelben Buch: „Jedes Kind kann schlafen lernen“ von Annette Kast-Zahn und Dr. Hartmut Morgenroth.

Die Diplom-Psychologin und der Kinderarzt versprachen eine Methode, mit der Babys endlich durchschlafen. Bis heute ist das Buch ein fester Bestandteil vieler Wickelkommoden.

Die Kernfrage vorweg, weil sie die meisten Eltern zuerst umtreibt: Nein, das Buch ist keine Anleitung fürs Neugeborene. Kast-Zahn und Morgenroth empfehlen das eigentliche Schlaftraining – also das stufenweise, intervallartige Schreienlassen – ausdrücklich erst ab dem sechsten Lebensmonat. Vorher raten die Autoren selbst ausdrücklich davon ab, weil Babys biologisch schlicht noch nicht in der Lage sind, sich selbst zu regulieren.

Woher kommt die Methode von Annette Kast-Zahn, jedes Kind kann schlafen lernen?Woher kommt die Methode von Annette Kast-Zahn, jedes Kind kann schlafen lernen

Wer glaubt, Kast-Zahn und Morgenroth hätten das Konzept erfunden, irrt. Die Wurzeln liegen in den USA: Der Kinderarzt Dr. Richard Ferber veröffentlichte 1985 seinen „Ferber-Plan“, der bis heute unter dem Begriff Ferber-Methode oder eingedeutscht als „Ferbern“ kursiert.

Kast-Zahn und Morgenroth haben dieses Konzept für den deutschen Markt adaptiert – mit klaren Zeitintervallen, nach denen Eltern ihr weinendes Kind kurz trösten, dann aber wieder das Zimmer verlassen. Schritt für Schritt sollen die Pausen länger werden, bis das Kind allein einschläft.

Interessant ist, wie sehr sich der Blick auf diese Methode seit den 90ern gewandelt hat. Damals dominierte ein verhaltenstherapeutischer Ansatz: Man wollte, dass ein Kind möglichst schnell „funktioniert“ – sprich durchschläft. Heute hat sich der pädagogische Wind gedreht.

Bindungs- und bedürfnisorientierte Ansätze, oft unter dem Stichwort Attachment Parenting zusammengefasst, stehen im Vordergrund. Es geht weniger um schnelle Anpassung, mehr um die emotionale Sicherheit des Kindes.

Was sagt die Wissenschaft heute zum Schreienlassen?

Und genau hier wird es unbequem für alle, die auf schnelle Lösungen hoffen. Der medizinische Konsens hat sich verschoben: Fachgesellschaften, Kinderärzte und Bindungsforscher raten mittlerweile überwiegend von strikten Schreilern-Methoden ab.

Statt starrer Intervallpläne werden heute sanftes Schlafcoaching und bedürfnisorientierte Begleitung empfohlen.

Der Grund dafür ist ein Fund, der viele Eltern überraschen dürfte – mich hat er beim ersten Lesen ehrlich gesagt aufgerüttelt. Neurobiologische Studien, unter anderem von der Forscherin Middlemiss, haben den Cortisolspiegel im Speichel von Babys gemessen, die nach der Ferber-Methode trainiert wurden. Ergebnis: Nach einigen Tagen hörten die Kinder tatsächlich auf zu weinen.

Klingt nach Erfolg.

Doch ihr Stresshormonspiegel blieb genauso hoch wie am ersten Abend. Das Kind schläft also nicht ein, weil es sich beruhigt hat, sondern weil ein biologisches Schutzprogramm greift – eine Mischung aus Erschöpfung und, nüchtern gesagt, Resignation.

Das äußere Verhalten täuscht über den inneren Zustand hinweg.

Warum wachen Babys überhaupt so oft auf?Warum wachen Babys überhaupt so oft auf

Bevor du dich jetzt schlecht fühlst, weil dein Kind „nicht durchschläft“: Es ist kein Defekt. Rund 30 bis 40 Prozent aller Säuglinge im ersten Lebensjahr wachen nachts regelmäßig auf und brauchen Hilfe beim Wiedereinschlafen. Das ist statistisch die Norm, keine Ausnahme und schon gar keine klinische Schlafstörung.

Ein Grund dafür liegt tief in der Evolution. Nächtliches Aufwachen war für unsere Vorfahren ein Überlebensmechanismus: Es schützte vor Unterkühlung, vor Fressfeinden und – auch wenn das hart klingt – vor dem plötzlichen Kindstod (SIDS), weil zu tiefer Schlaf gefährlich werden kann.

Der Körper eines Babys ist also nicht „falsch programmiert“, wenn es alle paar Stunden wach wird. Er macht genau das, wofür er über Jahrtausende optimiert wurde.

Hinzu kommt ein simpler, aber oft unterschätzter physiologischer Fakt: Ein Schlafzyklus dauert bei Säuglingen nur 50 bis 60 Minuten – bei Erwachsenen sind es etwa 90 Minuten. Zwischen zwei Zyklen gibt es kurze Wachphasen, in denen jeder Mensch, ob klein oder groß, kurz auftaucht. Erwachsene schlafen meist direkt wieder ein, ohne es zu merken. Babys können das noch nicht – sie brauchen Hilfe, um den Übergang zu schaffen.

Was heißt das jetzt konkret für dich als Elternteil?

Drei Dinge würde ich aus alledem mitnehmen, wenn ich noch einmal am Anfang stünde.

Erstens: Das Alter zählt. Wenn dein Baby jünger als sechs Monate ist, ist ein Schlaftraining nach Kast-Zahn und Morgenroth schlicht nicht das, was die Autoren selbst empfehlen würden. Schlaflose Nächte in dieser Phase sind normal, nicht Ausdruck eines Erziehungsfehlers.

Zweitens: Auch nach dem sechsten Monat lohnt sich ein kritischer Blick auf strikte Schreilern-Methoden. Die Cortisol-Daten zeigen: Ruhe an der Oberfläche bedeutet nicht automatisch Ruhe im Kind. Das muss nicht heißen, dass jede Form von sanftem Schlaftraining tabu ist – aber der Unterschied zwischen „beruhigt einschlafen“ und „erschöpft aufgeben“ ist real und relevant.

Drittens: Es gibt heute mehr Alternativen als noch vor 30 Jahren. Wer einen schreifreien Weg sucht, wird zum Beispiel bei wissenschaftlich fundierten Online-Programmen fündig – etwa beim Mini-KiSS-Programm der Universität Bielefeld, das sich an Eltern von Kindern zwischen einem halben und vier Jahren richtet. Solche Angebote setzen auf sanftes Schlafcoaching statt auf reines Schreienlassen und passen besser zum heutigen Verständnis von Bindung und Kindesentwicklung.

Ein Buch seiner Zeit – mit bleibendem Wert

„Jedes Kind kann schlafen lernen“ bleibt ein Stück Erziehungsgeschichte. Es hat Generationen von übermüdeten Eltern eine Struktur gegeben, als es kaum vergleichbare deutschsprachige Ratgeber gab.

Gleichzeitig zeigt der heutige Forschungsstand: Manches, was 1995 als pragmatische Lösung galt, würde man heute anders formulieren. Wer das Buch liest, sollte es als Ausgangspunkt verstehen, nicht als letztes Wort. Die eigentliche Kunst liegt darin, die Bedürfnisse des eigenen Kindes ernst zu nehmen – und sich nicht von Schuldgefühlen leiten zu lassen, egal wie viele Nächte gerade schlaflos waren.

 

 

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